Die Festung Wilhelmstein im Steinhuder Meer

Die kleine Grafschaft Schaumburg-Lippe war von je her der Gefahr ausgesetzt von feindlichen Aggressoren annektiert zu werden. Dies erkannte früh auch Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe und baute daher sein Militär nach und nach aus. Wilhelms Überlegungen richteten sich hauptsächlich gegen den Lehnsherrn in Hessen, dessen Grenzen unmittelbar an das kleine Fürstentum grenzten.

In einem Sprichwort heißt es: "Hüte dich vor dem Landgraf in Hessen, willst du nicht werden aufgefressen!". Dieses Sprichwort war zu Wilhelms Zeit wieder aktuell.

Graf Wilhelm hatte zwar die Festung Bückeburg vor dem Wall in Richtung Minden mit Sternschanzen versehen, die eigentliche Burg wurde aber nicht damit ausgestattet und galt deshalb nicht als Idealbau. Auch würde sie einer längeren Belagerung wohl nicht standhalten. Hinzu kam das mit Ausbruch des siebenjährigen Krieges die Gefahr gewachsen war. Wiederholt hatte die feindliche Armee die Grafschaft Schaumburg-Lippe besetzt.

Im Jahre 1757 muss wohl im Grafen Wilhelm der erste Gedanke für eine Festung im Wilhelmstein entstanden sein, als er nach der Schlacht bei Hastenbeck sein Land für den Feind räumen musste schrieb er in französisch in einem Brief: "Der Armee des Herzogs von Richelieu wäre es sehr schwer gefallen, über Hannover auf Aller und Weser vorzurücken, wenn 1000 oder 2000 Mann auf dem Steinhuder See postiert und geschützt dagewesen wären, mit Booten ausgerüstet um landen und den Nachschub stören zu können" (Übersetzung aus dem Französischen).

Einige Jahre später setzte Wilhelm sein Vorhaben in die Tat um. Für seine Festung wählte er einen strategisch und für die damalige Kriegskunst unüberwindbaren Punkt in der Nähe des morastigen Südufers des Steinhuder Meeres, das für Geschütze völlig ungeeignet war und so weit von den anderen Ufern entfernt war, dass die Kanonen der damaligen Zeit die Festung nicht erreichen konnten.

Im Winter 1761 ließ Graf Wilhelm unter strenger Geheimhaltung den Grundstein mit einer Schubkarre über das zugefrorene Meer fahren und versenkte ihn mit seinem Namen versehen im Steinhuder Meer. Sein Projekt nannte er "Wilhelm Insuln".

Nun fuhren die Schiffe Jahr um Jahr zu diesem Punkt um im Steinhuder Meer ihre Steine zu versenken und endlich, im Jahre 1765, zeigten sich die ersten Steine an der Oberfläche des Meeres.

Nachdem die Lücken dann mit Kies ausgefüllt waren, wurde auf einem starken Rost aus Eichenholz am 26. August 1765 mit dem Bau der Sternschanze begonnen. Es entstand in den folgenden 2 Jahren eine viereckige Sternschanze. Die Kasematten (schusssichere Gewölbe) im unteren Teil der Festung waren für die Unterbringung der Soldaten, Munition, Waffen und Vorräte vorgesehen. Über den Kasematten wurde ein Schlösschen, als Wohnung für den Kommandanten und die Offiziere gebaut und überragt von einem Turm mit flachem Dach, der als Observatorium diente. Hier betrieb Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe astronomische Studien. Außen um die Sternschanze und das Schlösschen liefen Wege für die Wachen. In den Ecken der Sternschanze befanden sich Geschütze zur Verteidigung der Festung.

Um die Hauptinsel wurden vier Bastionen (Bollwerke), vier Ravelins (Halbmonde) und acht kleine Courtinen (Mittelwälle) gebaut. Alle Inseln waren durch Zugbrücken untereinander und mit der Hauptinsel verbunden. Auf den kleinen Inseln befanden sich neben Geschützen auch kleine Fachwerkbauten mit Unterkünften für Soldaten, Werkstätten, Stallungen, Studienräume und Versuchsgärten. Im Südwesten der Insel gab es einen noch heute erhaltenen kleinen Hafen, wo insgesamt 5 Kanonenboote vor Anker lagen. Die gesamte Anlage war ringsherum durch eine starke Ankerkette auf Rammpfählen gesichert.

Die Festung Wilhelmstein wurde am 30. März 1767 fertiggestellt.

Bewaffnung und Besatzung

Die Festung besaß die in damaliger Zeit modernste Bewaffnung mit 166 Kanonen im Jahr 1777. Darunter waren Drei-, Sechs- und Zwölfpfünderkanonen (nach Gewicht der Kanonenkugel) sowie Mörser. Um 1850 waren es nur noch etwa 100 Geschütze, da ein Teil verkauft wurde. In die Festungsmauern sind vier lange Schießscharten für Kanonen eingelassen.

Für den Kriegsfall war eine Besatzung von 800 Soldaten geplant, von denen jeweils die Hälfte für die Festung und die Außenwerke vorgesehen waren. In den Anfangsjahren betrug die reguläre Stärke 250 Soldaten, später rund 150 Mann. 1782 wurde die Besatzung aus Kostengründen auf 22 Mann reduziert.

Der Soldatendienst auf der Festung war gesundheitlich nicht unbedenklich. Die ständige Feuchtigkeit verursachte Erkältungskrankheiten und Rheuma. In Friedenszeiten versahen die Soldaten daher nur maximal zehn Tage Dienst auf der Insel, an Land waren sie in Hagenburg und Steinhude untergebracht. Auf der Insel lebten auch einzelne Ehefrauen von Soldaten, die für die Besatzung wuschen und andere Hausarbeiten übernahmen. Im Winter war das Eiland zeitweise vom Festland abgeschnitten, wenn das Eis noch nicht trug und Boote nicht fahren konnten. Deswegen wurden in der Festung größere Mengen an Lebensmitteln und Brennmaterial eingelagert. Im Winter musste die Besatzung die Inseln mit langen Sägen eisfrei halten.

Militärschule

Mit Fertigstellung der Inselfestung 1767 richtete Graf Wilhelm in ihr eine Kriegsschule ein, die er Praktische Artillerie- und Genie-Schule nannte. Sie diente der Ausbildung von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften der Artillerie und des Pionierwesens. Die Schüler lebten abwechselnd auf der Insel und in Steinhude. Der mehrjährige Besuch der Schule war kostenfrei. Sie vermittelte nicht nur militärisches Wissen wie Ballistik und Taktik, sondern unterrichtete ab 1770 auch allgemeine Fächer wie Physik, Medizin, Chemie sowie Geschichte und Fremdsprachen. In den ersten 10 Jahren des Bestehens der Militärschule wurden 44 Offiziersanwärter ausgebildet. Der bekannteste Schüler war der spätere preußische General und Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst. Er begann 1773 im Alter von 18 Jahren seinen Dienst auf dem Wilhelmstein und blieb bis 1777. Später erhielt er die Goldene Medaille der Kriegsschule. Nach dem Tod von Graf Wilhelm 1777 verlegte sein Nachfolger Philipp Ernst die Schule nach Bückeburg, wo sie 1787 aufgelöst wurde.

Die Festung Wilhelmstein im Steinhuder Meer dient heute als touristisches Ausflugsziel mit Restaurant und Übernachtungsmöglichkeit.

    

Alle paar Jahre hält das Infanterieregiment Graf Wilhelm ein Zeltbiwack auf dem Wilhelmstein ab und präsentiert in originagetreuer Kulisse die Epoche des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe.