Der Ruhesitz des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe - "Haus Bergleben"

Nach seinen schwere Schicksalsschlägen - im Jahre 1774 war Graf Wilhelms einziges, erst dreijähriges, Töchterchen gestorben und dann verlor er zwei Jahre später nach zehnjähriger Ehe seine Gattin - zog sich Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe von allen Regierungsgeschäften und jeglichen gesellschaftlichen Verpflich­tungen in die Waldeinsamkeit zurück. Den stillen abgelegenen Platz auf dem Wölpinghäuser Berge hatte Graf Wilhelm wahrscheinlich bereits schon einige Jahre vorher entdeckt. Von dort oben bot sich ein großartiger Rundblick: in nördlicher Richtung über das Steinhuder Meer und die Seeprovinz, nach Süden über die weite Ebene der Grafschaft bis an den Bückeberg und die Porta. Vielleicht war der ehemalige Förster Sebastian Zaegel häufig der Begleiter auf den Streifzügen des Grafen. Dieser Förster war durch Einheirat in die Statte Nr. 20 in Wölping­hausen Großköther und Krüger gewor­den. Seit 1760 lebte er nun schon auf der Leibzucht und konnte sich dem Grafen zur Verfügung halten. Als Erinnerung an diese Zeit wird noch heute auf dem Hof Nr. 20 ein goldener Ring aufbewahrt, den der Graf geschenkt hatte. Auf dessen ovaler Siegelplatte sind über dem großen W eine Krone und darunter die Jahres­zahl 1776 eingraviert. Da das zugehörige Handschreiben verloren gegangen ist, weiß man nicht, ob diese Ehrung dem ehemaligen Förster Zaegel gegolten hat oder der Krüger-Familie Kölling für die herzliche Anteilnahme an der Trauer des großen Grafen.

Der Bau von „Hauß Bergleben" — auf ausdrücklichen Wunsch des Grafen vom 07.06.1777 so benannt — war erst im Jahre 1776 in Angriff genommen worden. Es scheint der Wunsch des Grafen gewesen zu sein, dass der Bau möglichst schnell beziehbar wurde. Davon zeugt, dass in dem sonst noch unfertigen Hause nur ein Zimmer in der zweiten Etage vorweg fer­tiggestellt wurde. Dessen Wände waren mit Lehm geglättet worden und es hatten einen Kalkanstrich erhalten. Neben dem Kamin war noch ein Ofen in diesem Zimmer aufgestellt, so dass der Graf zu jeder Jahreszeit darin wohnen konnte. Wahrscheinlich noch ehe die Haustüren verschließbar waren, bezog der Graf seine Unterkunft. Von der Eile beim Bau zeugt auch, dass der Graf zur gleichen Zeit das alte Jagdhaus in Spießingshol abbrechen ließ, um alle brauchbaren Teile für den Bau seines Hauses auf dem Wölpinghäuser Berge zu benutzen: Balken, Zie­gelsteine und Dachziegel. Dem Förster wurde als Ersatz die Wohnung in der Meierei Spießingshol zugewiesen. Wahrscheinlich wurde für den Trans­port dieser Baumaterialien eine direkte Verbindung Spießingshol und Wölpinghau­sen geschaffen, die vorher nicht bestand. Zwischen Spießingshol und der abseits gelegenen Stätte Wölpinghausen Nr. 26 wurde ein schnurgerader Weg angelegt, der bald die Bezeichnung „Wölpinghauser Allee" bekam. Sie war dann die Vorläuferin der heutigen Chaussee. Die Maße des Fundamentes für das herrschaftliche Haus auf dem Wölpinghäuser Berge waren etwa 10 x 12 Meter. Dieses Rechteck zeichnet sich noch heute für den interessierten Beobachter im Erdboden ab. Es umrahmt den an dieser Stelle erbauten Wilhelms­turm, der aber nicht in seiner Mitte steht. Das Fundament von Haus Bergleben bestand aus größeren Steinquadern, die im nahen Steinbruch gewonnen wurden. Der Steinbruch war gewöhn­lich an Interessenten verpachtet, doch für die Jahre 1773-1783 nennen die Kammerakten keine Pächter, so dass ver­mutet werden kann, dass während des Baues von Haus Bergleben, Steinmetze auf Rechnung der Hofkammer die Steine brachen und bearbeiteten. Denn nicht nur das Fundament, sondern auch die Außen­wände des untersten Stockwerkes waren aus behauenen Bruchsteinen errichtet. Dagegen waren die drei weiteren Stock­werke aus Backsteinen erbaut. Rund 700 Stück wurden zum größten Teil aus einer Ziege­lei bei Apelern geliefert. Zum Glätten der Innenseiten der Außenwände und gleichzeitig als Isolierung gegen Kälte dienten Lehmsteine. Im Haus Bergleben bestanden in der Hauptsache nur 2 große Zimmer. Eins von ihnen be­saß gekalkte Wände und einen Ofen. Nur dieses war vorerst zum Aufenthalt für den Grafen wohnlich eingerichtet.

Das Haus Bergleben selbst sowie auch die weiteren Anlagen ringsumher waren noch weitgehend unvollendet, als Graf Wilhelm am 10.09.1777 dort starb. Im Kirchenbuch in Bergkirchen findet sich die Sterbeurkunde: „In der Nacht vom 9ten auf den 10ten September entschlief zu Bergleben — einem neuerbauten herrschaftlichen Haus auf dem Wölpinghäuser Berg — Herr Wilhelm (Wilhelm Friedrich Ernst), regierender Graf zu Schaumburg, Graf und Edler Herr zur Lippe und Sternberg, Ritter des königl. Preußischen großen Ordens vom schwarzen Adler, Generalis­simus des Herrn Sr. Allergetreuste Maje­stät des Königs von Portugall und All­garbien, wie auch des Herrn Sr. König­liche Majestät von Großbritannien, Churfürstl. Durchlauchten zu Braunschweig-Lüneburg, bestallter Generalfeldmarschall, Ehrenmitglied der Königl. Academie der Wissenschaften zu Berlin, der Königl. So- cietät der Wissenschaften und des histo­rischen Institut zu Göttingen — unser gnädigster Landesvater — der entseelte Körper wurde nach dem Baum ins neue Begräbnis gebracht. Sr. Durchlaucht wurde Anno 1724 den 9ten Januar zu London geboren und hatte seit 1748 regiert.“

Nach dem Tode des Grafen Wilhelm wurde nichts mehr zur Vollendung des Hauses Bergleben unternommen. Dort war der Fußboden in keinem Stockwerk bis in den letzten Raum fertiggestellt. Einige Wochen nach dem Tode des Grafen wurde zur „Verwahrung" des Hauses der Holzknecht Weihe aus Wöl­pinghausen Nr. 39 bestellt, der darin mietfrei wohnen sollte. Doch seine Fami­lie blieb um der Viehversorgung willen im eigenen Hause im Dorfe wohnen. Da anfangs alles ohne besondere Vorkomm­nisse verlief, zog Weihe wieder zu seiner Familie und machte nur noch regelmäßigen Kontrollgang zum Haus Bergleben. Nach dem Winter 1779/80 musste er melden, dass sich der Kalkverstrich an den Dachziegeln gelöst hätte und dass es darum an verschiedenen Stellen durch­regne. Das Wasser war durch mehrere Stockwerke gesickert. Infolgedessen wur­den dort einige Reparaturen notwendig. Ein Fachmann stellte fest: Für die Ziegel­bedeckung wäre das Dach viel zu flach. Zumindest hätte es mit „Stroh gedeckt“ oder mit „Zungen gedeckt" worden sein. Darum wiederholte sich das Durchregnen fast jährlich. Im folgenden Jahre wurde dann eine Anzahl Fensterflügel gestoh­len — von Schmied Kohlmann aus Mün­chehagen — wie die Nachforschung er­gab. Die Fensteröffnungen wurden in­zwischen mit Brettern vernagelt. Inzwischen war das Amt Hagenburg beauftragt worden, das Haus Bergleben zu vermieten. Von den Bewerbungen im Laufe der Jahre wurde nur einmal eine in ernstliche Erwägung gezogen. Dem ehemaligen Förster und nunmehrigen Leibzüchter Zaegel aus Wölpinghausen Nr. 20 wurde das Haus auf ein Jahr ver­pachtet (1778). Die Hofkammer ließ daneben verschie­dene Gutachten zwecks weiterer Ver­wendung des Hauses ausarbeiten. Als das brauchbarste davon erschien, das Haus abzutragen und in Spießingshol — zwar nur zweistöckig — wieder zu errichten. Dort sollte die untere Etage als Förster­wohnung und die obere als Gästezimmer für Mitglieder der Herrschaft dienen. Doch die errechneten Unkosten mit 600-700 Thalern erschienen zu hoch (1789).

Schon 1779 zeigte der Kaufmann Lambertz aus Bremen Interesse, das Haus Bergleben käuflich zu erwerben. Doch nach eingehender Besichtigung kam kein Kauf zustande. Erst 10 Jahre später fand sich der rechte Käufer. Nach Vorverhandlungen durch den Nenndorfer Brunnenmedikus Prof Dr. Schrötei trat der Apotheker Brockmann aus Rinteln als Käufer auf. Obwohl das Baumaterial des Hauses mit 570 Thalern taxiert war, einigte man sich schließlich auf einen Kaufpreis von 350 Rthlr., die auch am 06.10.1789 bezahlt wurden Nach Abbruch des Hauses zeigte sich je­doch, dass die meisten Balken nicht wie­der zu verwenden waren (Sie stammten ja aus dem ehemaligen Jagdhaus in Spießingshol, das schon 1692 erbaut wor­den war). Da der Schaden vorher nicht zu erkennen gewesen war, gewährte die Fürstin Juliane einen Preisnachlass von 50 Rthlr. Apotheker Brockmann ließ dann das Haus anhand des alten Bauplanes in Bad Nenndorf wieder aufbauen Durch die Neubeschaffung der Balken verzögerte sich der Bau so, dass das Haus 1790 noch nicht vollendet werden konnte. Im Jahre 1794 richtete Brockmann dann die „Kur-Apotheke", deren Privilegien aus dem Jahre 1787 stammten, in dem ehemaligen Jagdhaus des großen Grafen ein. In der damaligen Zeit reichte die eine Hälfte der unteren Etage dafür aus. In der anderen wurde eine Kaffee- und Schokoladen­stube für die Kurgäste eingerichtet.

Quelle:
Schaumburg-Lippische Heimatblätter, Nr. 2, 1968

Foto:
Nachzeichnung (© Carsten Thiele) von einer vom Grafen Wilhelm eigenhändigen gemachten Skizze mit Hausplatte und Beschriftung des Hauses Bergleben, aus einem Kalender des Grafen Wilhelm von 1777.
Nds. Landesarchiv - Standort Bückeburg: F 1 A XXXV 18 Nr. 71